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Glarner Landsgemeinde verschiebt Rauchverbotsdebatte

In meinem Heimatkanton Glarus hat gestern die Landsgemeinde stattgefunden. Die Landsgemeinde wird einmal im Jahr abgehalten. Dabei trifft sich der ganze Kanton im Hauptort und stimmt per Handerheben über Gesetztesänderungen, neue Bestimmungen oder die Steuern ab. Jeder Bürger darf sich an der Landsgemeinde zu jedem Traktandum äussern, und sogar Änderungsanträge stellen.

Auf der Traktandenliste der gestrigen Landsgemeinde stand auch die Einführung eines Rauchverbots in der Gastronomie. Eine Debatte hat allerdings nicht stattgefunden, weil stillschweigend dem sinnvollen Antrag des Landrats gefolgt wurde, die Gesetzgebung auf Bundesebene abzuwarten.

Einige Eindrücke, leider in sehr schlechter Qualität, vermittelt der folgende, selbstgedrehte Film:


Nikotin: Dirigent im Gehirn-Konzert

Nikotin ist der Hauptwirkstoff des Tabaks. «Vienna Online» erklärt in einem aktuellen Beitrag, wie die Substanz wirkt:

"Nikotin ist eine der am schnellsten süchtig machenden Substanzen. Es hat nicht nur psychostimulierende Wirkungen wie Kokain oder Amphetamin, sondern stösst im Gehirn die gesamte Breite der Neuromodulatoren an und wirkt wie der Dirigent in einem Konzert auf viele Instrumente ein", erläutert Professor Lutz Schmidt aus Berlin.

(..) Die nikotinergen Rezeptoren haben einen sehr engen Bezug zum präfrontalen Cortex. "Dadurch wird verständlich, dass Hirnfunktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen durch Nikotin verbessert werden."

Weitere Informationen liefert der Artikel zur suchtverstärkenden Wirkung von Zusatzstoffen, die Zigarettenhersteller dem Tabak beimischen. Über die Funktion von Nikotin im Zusammenhang mit Stress und Entspannung heisst es:

Wer raucht, um Stress abzubauen, fügt sich selbst nur weiteren Stress zu, denn der scheinbar entspannende Effekt des Rauchens kommt nur dadurch zustande, dass durch den Griff zur Zigarette die Spannung, die durch ein Sinken des Nikotin-Levels entstanden ist, wieder aufgehoben wird.

Daraus könnte man schliessen: Wer es mit dem Zigarrengenuss nicht übertreibt, darf von der entspannenden Wirkung des Nikotins profitieren, ohne von den Nachteilen betroffen zu werden, die durch die Suchtwirkung des Nikotins entstehen.

Widerstand gegen staatliche Gesundheitspropaganda

In der Schweiz regt sich einflussreicher Widerstand gegen die Präventionskampagnen des Bundesamts für Gesundheit. Blick Online meldet (Das soll unser «Gesundheits-Taliban» sein):

20 Wirtschaftsverbände haben sich in einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um die Kampagnen des BAG zu bekämpfen.

Das Bundesamt habe innert kürzester Zeit drei Kampagnen lanciert, die stark in die Freiheit der Konsumenten eingreifen würden, sagte Rudolf Horber, politischer Sekretär beim SGV, gestern gegenüber der Sendung «10 vor 10». Diese Auswüchse wolle die neu gegründete IG bekämpfen.

Zur neu gegründeten IG gehören unter anderem der mächtige Wirtschaftsdachverband economiesuisse, der Schweizerische Gewerbeverband, der Schweizerische Arbeitgeberverband, Gastrosuisse, der Schweizerische Bauernverband, die Erdöl-Vereinigung und der Verband Schweizer Werbung.

Religion Gesundheit

Ist Gesundheit zu einer Religion geworden? Treffende Betrachtungen über rauchende Sünder und Gesundheitsblasphemie präsentiert die Zeit im Artikel «Erhebet die Herzen, beuget die Knie». Ein Auszug:

Die Gesundheitsreligion ist eine gigantische Anleitung zum Unglücklichsein. Sie suggeriert unerreichbare Utopien und unterhält eine florierende Industrie, die ihren trügerischen Versprechungen die sehnsüchtigen Massen zutreibt. Mit verbissenem Ernst, die Todesdrohung im Nacken, und schuldgebeugt hetzen die Menschen bei Marathonläufen durch die Straßen hässlicher Städte, laufen von Arzt zu Arzt und essen unschmackhafte Sättigungsbeilagen zu einem Leben voller Verzicht und Kasteiung. Um den Tod zu vermeiden, nehmen sie sich das Leben, nämlich unwiederholbare Lebenszeit. Es gibt Menschen, die leben von morgens bis abends nur noch vorbeugend, um dann gesund zu sterben.

Bilaterale Verhandlungen mit EU: Tabakwerbeverbot als Zückerchen

Vor kurzem hat der Bundesrat über eine neue Verhandlungsrunde mit der EU informiert. Gegenstand der Verhandlungen soll die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit und ein allfälliges Abkommen über den Agrarfreihandel sein. Laut Basler Zeitung will der Bundesrat mit der EU aber auch über den Bereich Gesundheit sprechen:

Die beiden Vorlagen haben in der Folge hohe Wellen geschlagen – und damit in den Hintergrund gedrängt, was der Bundesrat damals ebenfalls beschlossen hat: Die Regierung will auch ein neues Gesundheitsabkommen mit der EU aushandeln.

(..) Gegenstand der Verhandlungen ist auch die Übernahme von EU-Recht im Bereich der Tabakwerbung, wie der Bundesrat in den damaligen Presseunterlagen nur ganz beiläufig erwähnte. Dabei haben es diese Änderungen in sich: Die EU kennt in Sachen Tabakwerbung wesentlich strengere Regelungen als die Schweiz. Mit dem Gesundheitsabkommen dürfte also eine Verschärfung des bisher liberalen Regimes auf die Schweiz zukommen.

Britische Banker verzichten auf Zigarren

Die Seite City A.M. berichtet über massive Rückgänge im Zigarrenverkauf als Folge der Kreditkrise (via Cigar Wiki):

(..) After 32 years in the business J Redford owner Mukesh Gaglani said he may be forced to shut because cigars sales have “stopped completely” since the crisis hit markets.

“People are not just buying cheaper cigars, they’ve stopped completely. “After the smoking ban we were not even affected, but trading is slack at the moment because City boys are not spending as much money … there is nothing to celebrate and that means it’s difficult for me to survive.”

Cool und böse..

.. sind Artikeln von Die Welt und Tagesspiegel zufolge Personen, die in Filmen rauchen. Passend dazu der heutige Filmtipp des Schweizer Fernsehens: «Spiel mir das Lied vom Tod» von Sergio Leone mit dem rauchenden Henry Fonda als Oberschurke Frank.


Henry Fonda mit Zigarre

Fanal für die Freiheit

Stern-Zwischenrufer Hans-Ulrich Jörges hat in den Archiven gestöbert und Aufschlussreiches zum Thema Rauchverbote zu Tage gefördert:

Die erste deutsche Revolution wurde auch von einem Rauchverbot ausgelöst. 1810 hatte der Berliner Polizeipräsident den Tabakgenuss in der Öffentlichkeit untersagt, er galt als Ausweis freiheitlicher Gesinnung (..). 1832 erließ König Friedrich Wilhelm III. für ganz Preußen die Order, dass das «Tabackrauchen» auf Straßen und Plätzen bei einer Strafe von zehn Silbergroschen bis zu einem Thaler verboten werden dürfe. Im März 1848 erhob sich das Volk, und das Rauchverbot spielte, so Recherchen der «FAZ», eine wichtige, wenn nicht gar die entscheidende Rolle. Am 19. März trat der Sprecher des Königs am Berliner Schloss vor das revolutionäre Volk und verkündete, alle Forderungen würden erfüllt. «Wirklich alles?», scholl es aus der Menge. «Ja, alles, meine Herren!» - «Ooch det Roochen?» - «Ja, auch das Rauchen.» - «Ooch im Dierjarten?» - «Ja, auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren.» - «Na, denn können wir ja zu Hause jehn.»

Wiederholt sich die Geschichte in Bayern? In den bayrischen Kommunalwahlen ist die für die strengen Rauchverbote verantwortliche CSU abgestürzt. Die halbherzige Korrektur kurz nach den Wahlen («Bayrisches Polit-Theater»), welche das Rauchen am Oktoberfest - das notabene in der letzten Woche vor den bayrischen Landtagswahlen beginnt - wieder erlaubt, kommt dem Kommentator wie «Freibier vor, das die Wähler besoffen machen soll».

Eine Niederlage der CSU bei den Landtagswahlen, so die Hoffnung von Hans-Ulrich Jörges, könnte einen Umschwung in der politischen Diskussion einleiten:

Deren Niederlage würde zum Fanal für die Korrektur überdrehter Antirauchergesetze - politisch, nicht nur juristisch. Und bundesweit. Ein Fanal für die Freiheit, denn schon wird über Werbe- und Ausschankverbote für Alkohol diskutiert. Vielleicht tritt ja Beckstein am 29. September vor die bayerischen Rebellen: «Ihre Forderungen werden erfüllt. Es darf geraucht werden, auch an den Stammtischen.»

«Tabak und Himbeeren»

Klärendes aus Österreich zum um sich greifenden Anti-Tabak-Wahn (Die Presse, «Tabak und Himbeeren»):

Hätte Rauchen nicht eine jahrhundertlange Tradition, hätte Tabak heute keine Chance auf eine Zulassung durch die Gesundheitsbehörden. Damit stehen Zigaretten & Co. allerdings nicht allein da: Ein saftiges G'selchtes oder ein gschmackiger Schweinsbraten wäre heute wohl ebenfalls nicht zulassungsfähig, und Experten betonen, dass selbst so manches als gesund geltende Naturprodukt ein echtes Problem hätte: Himbeeren zum Beispiel enthalten viele nicht gerade vertrauenswürdige Inhaltsstoffe, etwa das leberschädigende Kumarin. Über diese «rote Gefahr» wird freilich nicht diskutiert. Gar nicht zu reden davon, dass der Alkoholkonsum katastrophale Schäden in der Gesellschaft anrichtet. Darüber hört man gar nichts.

Zigaretten-Strategen: Einsatz für oder gegen den Kunden?

Paul Minturn von der Tabak-Vitrine hat mich darauf hingewiesen, dass das vieldiskutierte Strategiepapier von Philip Morris (Rauchverbot: Das Papier des Wolfes im Schafspelz) mittlerweile von der Philip Morris-Website entfernt wurde. Die «Anmerkungen zur Anwendung von Richtlinie 2001/37/EG und Vorschläge für die weitere Reglementierung von Tabakerzeugnissen» können jetzt auch hier heruntergeladen werden - danke an Paul Minturn für die Kopie.

Apropos Zigaretten-Strategen: Dass es auch anders geht und man sich als Tabakhersteller auch für seine Kunden stark machen kann, zeigt Reemtsma. In der Marketing Review St. Gallen hat Lars Großkurth, Head of Corporate Affairs bei Reemtsma, einen Artikel zur «Toleranz für Raucher»-Kampagne publiziert. Zwei Auszüge:

In diesem politischen und gesellschaftlichen Klima, welches zunehmend auch durch persönliche Anfeindungen und Intoleranz gegenüber Rauchern geprägt ist, wollte Reemtsma den Rauchern unter dem Motto «Ihr seid nicht allein!» signalisieren, dass sich für ihre Interessen eingesetzt wird.

Neben den bereits etablierten Kommunikationskanälen des direkten und indirekten Lobbyings will Reemtsma mit der «Toleranz für Raucher-Kampagne» den Konsumenten als  Grassroots-Element im Lobbyingprozess etablieren. Ausgehend von der Prämisse, dass die Interessen von Industrie und Konsumenten in der aktuellen Frage des Rauchverbots in Gaststätten ähnlich geartet sind und dass die «Mobilisierung öffentlicher Unterstützung», wie man am Beispiel von Umwelt-NGOs (NGO = non govermental organisation) gesehen hat, tatsächlich dazu führen kann «schwache Interessen» in «starke Interessen» zu verwandeln (Roose 2003), erscheint diese Etablierung einer dritten Kraft sinnvoll.

Der vollständige Beitrag mit dem Titel «Implementierung einer Corporate-Affairs-Strategie» ist im PDF-Format verfügbar.

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