Prohibitive Besteuerung
Leser Kippeninsider hat in einem Kommentar auf den Artikel Mafia-Ware in der Wirtschaftswoche aufmerksam gemacht. Der Artikel fasst die dramatischen Folgen zusammen, welche die Erhöhung der deutschen Tabaksteuer hatte. Die höheren Steuern waren von der früheren Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Horst Seehofer durchgesetzt worden, um "Löcher in der gesetzlichen Krankenversicherung zu stopfen":
Dabei hatten außer den Kriminologen auch fast alle Finanzpolitiker Bedenken angemeldet. So auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Reinhard Schultz, der die einkalkulierten Mehreinnahmen als „Phantomrechnung“ bezeichnete und von einer „tendenziell prohibitiven Besteuerung“ sprach, die letztlich zu Ausweichreaktionen der Raucher am Fiskus vorbei führe. Der Begriff „prohibitiv“ trifft deshalb zu, urteilt der Konstanzer Wirtschaftsethiker Josef Wieland, „weil die hohe Besteuerung der Zigaretten grundsätzlich die gleichen Folgen wie die Prohibition im Amerika der Zwanzigerjahre verursachen kann“. Damals waren in den USA Herstellung, Besitz und Ausschank von Alkohol verboten, doch die Mafia blühte mit dem illegalen Schnapsmarkt auf, und mehrere Zehntausend US-Bürger vergifteten sich an Billigfusel. Paten wie Al Capone, die wohl bekannteste Unterweltgröße dieser Zeit, breiteten ihre Geschäfte dank satter Schwarzmarkt-Gewinne krakenartig in andere – auch legale – Branchen aus.
Heute ist der deutsche Zigarettenmarkt eine ähnlich ersprießliche Geldquelle des organisierten Verbrechens. Eine illegale Lastwagenladung verspricht eine Million Euro Profit. Die Gewinnspannen für die Schmuggler beziffert Wolfgang Schmitz, Sprecher des Zollkriminalamtes in Köln, auf „rund 1000 Prozent und damit ähnlich hoch wie bei Rauschgift“.
(Bildquelle: Wiwo.de)
Wie hoch der Anteil der illegalen Zigaretten bereits ist, zeigt die obige Grafik. In gewissen Regionen Deutschlands seien bereits über 60 Prozent der konsumierten Zigaretten illegal importierte Produkte, so die Wirtschaftswoche. Insgesamt werden in Deutschland bereits 25 Prozent aller Zigarretten am Fiskus vorbei geschmuggelt. Erhoben werden diese Zahlen laut Wirtschaftswoche über Untersuchungen des Abfalls. Sie zeigen, wieviele Zigarettenpackungen ohne offizielle Steuerbanderole im Umlauf sind. Der Kommentar der jetzigen Regierung:
Abwiegelnd erklärt Finanzstaatssekretärin Barbara Hendricks auf eine parlamentarische Anfrage der FDP .. es gebe keine „belastbaren Erkenntnisse über einen unmittelbaren funktionalen Zusammenhang“ zwischen Tabaksteuerhöhe und der Begünstigung der organisierten Kriminalität.
Das Fazit der Wirtschaftswoche:
In den USA schaffte die Regierung, zermürbt vom nicht zu gewinnenden Kampf gegen die Alkoholmafia, Anfang der Dreißigerjahre die Prohibition wieder ab. Damit legte sie Schmugglern und Fälschern das Handwerk, leitete den Markt in legale Kanäle zurück – und erzielte am Ende auch höhere Steuereinnahmen.
Ob es richtig ist, aus den kriminellen Folgen von Steuern und Verboten einfach abzuleiten, dass die Verbote gelockert, oder die Steuern gesenkt werden sollten, scheint mir zwar fraglich: Wer sich zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit bekennt, hat die Regeln zu akzeptieren. Die Zustände in Deutschland führen aber hoffentlich dazu, dass die Annahmen, die hinter überzogenen Steuern und Verboten stehen - "Raucher kann man beliebig schröpfen", "Raucher haben keine Freiheitsrechte" - irgendwann hinterfragt werden.







Kommentare
Gerade der Rechtstaat ist in Frage gestellt, wenn weite Teile der Gesellschaft seine Normen nicht mehr akzeptieren. Das hat dann eben auch weitreichende soziale und ökonomische Folgen. In der Tat kann man das beim Alkohol an der Geschichte der Prohibition sehr gut studieren. Schon Alkoholmonopol und prohibitive Besteuerung führen bereits zu Ausweichreaktionen. Das kann man noch heute in den skandinavischen Ländern sehen. Schmuggel und Sauftourismus sind eine mögliche Variante, solange es im Ausland niedrigere Preise und oder liberalere Verhältnisse gibt. Die Schwarzbrennerei ist ebenfalls eine Ausweichreaktion. Grundsätzlich fördern unpopuläre Verbote stets die Kriminalität.
Die Besteuerung von Genussmitteln ist in ihrer Zielrichtung schon lange vor den aktuellen Entwicklungen widersprüchlich gewesen. Einerseits soll der Konsum bekämpft werden, andererseits werden beträchtliche fiskalische Einnahmen erzielt. Letzteres Motiv ist weitaus älter. Das staatliche Tabakmonopol hat sich beispielsweise in Spanien, Österreich, Italien und Frankreich bis heute insofern gehalten, als dort nur bestimmte lizenzierte Läden und Verkaufsstellen Tabakwaren anbieten dürfen. Dazu kommt die auch in Deutschland bestehende Preisbindung. Es handelt sich um einen extrem regulierten Markt. Das ist ein Erbe des Merkantilismus. Diese Regulierungen haben ihren Ursprung in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Zielsetzungen einer Zeit, die noch gar keine staatliche Gesundheitspolitik im heutigen Sinne kannte.
Die merkantilistische Monopolpolitik führte zu einer Blüte des Schmuggels. Als Napoleon große Teile Europas mit der Kontinentalsperre vom (damals noch britisch beherrschten Welthandel) ausschloss, hatte dies wieder Schmuggel zur Folge. Dazu kam die Suche nach Substituten. Alle Rationierungen von Nahrungs- und Genussmitteln, bestimmten Rohstoffen, Medikamenten und ähnlichem während und nach zwei Weltkriegen haben genauso wie die Planwirtschaft totalitärer Staaten immer zwangsläufig zu den typischen Ausweichreaktionen geführt. Die Schattenwirtschaft wird bestimmend, Kriminalität und Korruption breiten sich aus, etc. Selbst brutale staatliche Repression kann das nicht verhindern.
Schmuggel erfordert einen gewissen Mobilitätsgrad. Der ist heute mehr denn je gegeben. Solange nicht weltweit einheitliche Verhältnisse herrschen, ist dies genau wie der Sauftourismus eine klassische Ausweichreaktion. Wobei letzterer noch nicht mal verboten ist.
Ich habe leider zu spät mit dem Zigarren-Rauchen angefangen, um noch die kurze Zeitspanne zu nutzen, in denen bereits das Schengener Abkommen innerhalb der EU galt, die spanischen (Monopol-)Preise insbesondere für Habanos aber noch einladend niedrig waren. 8 Kisten Zigarren und 10 Liter Brandy kann ich heute noch legal einführen. Zumindest im Flugzeug kann man das sowieso kaum überschreiten.
Während der Schmuggel von im Herkunftsland kontrolliert produzierter Ware nur strafrechtlich riskant ist, sind illegal produzierte Substitute auch gefährlich für die Konsumenten. Die Hersteller von falschen Cohibas unterliegen genausowenig Normen und Kontrollern wie die Bootlegger der Prohibitionszeit.
Ein weiterer Aspekt mit vielen Parallelen wären die illegalen Genussmittel, aber dafür ist hier (noch?) nicht der richtige Ort.
Meiner Meinung nach weisen sowohl die angeführte aktuelle Statistik als auch der Blick auf die Geschichte darauf hin, dass das menschliche Verhalten nicht durch Repression zu steuern ist. Die gesellschaftlichen "Nebenwirkungen" der staatlichen Reglementierungswut können sehr erheblich sein.
Bevor ich jetzt noch auf die individuelle Freiheit an sich zu sprechen komme und endgültig den Rahmen sprenge, gönne ich mir lieber ein wenig legalen Genuss inklusive Tabak-, Branntwein- und Mehrwertsteuer.
All the best
Frank D.