«Detektive auf Entzug»
Der Bund zeichnet im Artikel Detektive auf Entzug die Kulturgeschichte des Rauchens am Beispiel der Kriminalliteratur nach. Ein Auszug:
Sherlock Holmes als Nichtraucher? Unvorstellbar. Zum Bild des Meisterdetektivs gehört – neben der Lupe – zwingend die geschwungene Tabakspfeife, die er in seinem Sessel sitzend genüsslich schmaucht. Auch Zigarren und Zigaretten verachtet Holmes nicht. Kein Wunder, das «Tobackrauchen» gilt schon seit dem 17. Jahrhundert als ausgezeichnetes Mittel, behagliche Anregung zu geistiger Arbeit zu verschaffen und das Denken zu schärfen. Tabak ist also gewiss nicht das falsche Genussmittel für den fast pathologischen Beobachter, akribischen Denker und blitzgescheiten Kombinierer.
Premium-News mit Avo Uvezian

Die vierte Ausgabe unserer Zeitung Premium-News ist da! Das Titelinterview haben wir dieses mal mit der Jazz- und Zigarrenlegende Avo Uvezian geführt. Speziell hinweisen möchte ich auf die Aussagen von Avo Uvezian zur Differenzierung von Zigaretten und Zigarren. Weitere Themen der neuen Zeitung sind das Habanos Festival, ein Portrait der Schweizer Baristameisterin Anna Käppeli und ein Bericht zur Winston Churchill Cigars-Premiere in Zürich.
Rauchverbot auf dem Zauberberg
Sieben Jahre verbringt Hans Castorp, der Held von Thomas Manns Zauberberg, als Gesunder unter Kranken im Sanatorium Berghof in Davos. Um die langen Stunden der Liegekur erträglicher zu gestalten, hat Mann seinem Hauptprotagonisten die Leidenschaft für gute Zigarren mitgegeben. Eine bekannte Passage aus dem Roman:
«Ich verstehe es nicht, wie jemand nicht rauchen kann, er bringt sich doch, sozusagen, um des Lebens bestes Teil und jedenfalls um ein ganz eminentes Vergnügen! Wenn ich aufwache, so freue ich mich, dass ich tagsüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so freue ich mich darauf, ja ich kann sagen, dass ich eigentlich bloss esse, um rauchen zu können, wenn ich damit natürlich auch etwas übertreibe. Aber ein Tag ohne Tabak, das wäre der Gipfel der Schalheit, ein vollständig öder und reizloser Tag.»
In der Verfilmung des Zauberbergs, die gestern auf Arte lief, hat sich Hans Castrop in einen Nichtraucher verwandelt. Ob die Zigarre schon bei der Entstehung der Produktion 1981 der gesundheitlichen Volkserziehung zum Opfer fiel? Vielleicht ist Castorps Zigarren-Leidenschaft dem Regisseur schlicht als unwesentliches Detail erschienen. Was für eine «schale, reizlose» Auffassung...
Die Kultur des Rauchens
Im heutigen «Literatur und Kunst»-Teil der NZZ schreiben zehn Gastautoren über den Tabakgenuss. Demjenigen, der nicht alles lesen mag, sei der Beitrag von Peter Bichsel empfohlen.
- Vom Rauchen Thema und Variationen
- Rauchen Von Robert Schindel
- Rauch bleibt. Bleibt Rauch? Von Hermann Beil
- Nebel im Kopf Von Sibylle Berg
- Uns raucht der Kopf So oder so stellt der Mensch etwas an mit seinem Mund. Von György Konrád
- Zigaretten Von Judith Hermann
- «Good for you» Der unvollkommene Triumph der Nichtraucher in Kalifornien. Von Hans Ulrich Gumbrecht
- Raucher ist die Bezeichnung für Eisenbahnwagen Von Peter Bichsel
- Der Verrat der Mandoline Von John Banville
- Die n-te Potenz des Selbstvertrauens Wie sich im Mysterium des blauen Dunstes alle Kümmernisse auflösen. Von Kiran Nagarkar
- Ins Private verstossen Von Peter Liechti
Cigarren und ihre Begleiter: Humbug oder seriöse Entscheidungshilfe?
Durch das neue Buch «Cigarre & Co. Cigarren und ihre Begleiter» von Dieter H. Wirtz und Matthias Martens ist in Internetforen ein Glaubenskrieg über die Sinnhaftigkeit von Crosstastings mit Zigarren und Getränken ausgebrochen. Auslöser ist ein bitterböser Verriss von Buch und Autor Wirtz, der kürzlich im Herrenzimmer veröffentlicht wurde. In der Herrenzimmer-Rezension heisst es dazu:
(..) Kann, soll und vor allem darf man Empfehlungen darüber aussprechen, warum welche Cigarre zu welchem Cognac, Wein, Whisky, Champagner, Obstbrand oder Kaffee schmeckt? Wie kommen solche Empfehlungen zustande? Kann man sich tatsächlich durch hunderte von cubanischen Cigarren und ebenso viele verschiedene Rums arbeiten, um dann das eine wirklich zusammen passende Paar feststellen und empfehlen zu können? Diese einfache Frage und die noch einfachere Antwort "Nö" lassen erkennen: so etwas geht gar nicht. Derartige Empfehlungen müssen zwangsläufig subjektiv und vor allem alles andere als verbindlich sein. Aber anstatt still zu halten schreiben Wirtz und Co dieses Buch.
Über das Buch «Cigarre & Co. Cigarren und ihre Begleiter» kann ich nicht urteilen - ich habe es nicht gelesen. Ein kurzes Wort nur zur Aussage, Empfehlungen zu Zigarren-Getränke-Kombinationen seien zwangsläufig subjektiv.
Das Zigarren-Wein-Tasting, das wir vor zwei Jahren mit dem Sensorik-Profi und ehemaligen Schweizer Meister im Weindegustieren Eduard J. Graf durchgeführt haben, hat uns gezeigt, dass manche Zigarren-Wein-Paarungen eindeutig besser harmonieren als andere. In manchen Fällen hat entweder der Wein oder die Zigarre den jeweiligen Partner dominiert, in anderen Paarungen wurden einzelne Geschmackskomponenten unangenehm betont. Beobachtungen, die für alle Teilnehmer der Degustation nachvollziehbar waren. Interessant war, dass keine allgemeingültigen Regeln aufgestellt werden konnten - nicht immer passt ein vollmundiger Wein zu einer kräftigen Havanna.
Deshalb haben Cross-Tastings von Zigarren und Getränken meines Erachtens durchaus ihre Berechtigung. Ob der Aficionado dafür aber ein Buch braucht, ist eine andere Frage. Der Weg ist das Ziel - wo trifft dies mehr zu als beim Geniessen?
In diesem Streit kein Frieden ist
Über den Tabak wird schon lange kontrovers diskutiert. Ein schönes Beispiel dafür liefert ein Gedicht des Schriftstellers Siegmund Haber, aufgestöbert von «Die Welt» im Buch «Aussprüche deutscher Zeitgenossen über den Tabakgenuss» aus dem Jahr 1890:
Der Eine dampft voll Eifer sie,
Der Andere schmäht voll Geifer sie;
Den schaudert's, wenn nicht echt sie ist,
Der raucht, wenn noch so schlecht sie ist;
Mit vielem Geld verschafft man sie,
Gedankenlos verpafft man sie;
Wer keine hat, dem, fehlt sie sehr;
Ist sie zu leicht, dann "fleckt" sie nicht,
Und ist man krank, dann schmeckt sie nicht;
Hat man App'tit, dann sucht man sie,
Als Lump grundsätzlich schnorrt man sie,
Seekrank wirft über Bord man sie;
's giebt welche, die ganz gut man raucht,
Zu and'ren wieder Muth man braucht.
Als Nahrungsmittel gilt sie nicht,
Schon raucht als Gymnasiast man sie,
Als Hausfrau aber hasst man sie.
Kurzum: ob sie zu loben sei,
Ob gegen sie zu toben sei,
In diesem Streit kein Frieden ist,
Weil der Geschmack verschieden ist.
«Elegie auf den Rauch»
Der deutsche Dichter und Büchner-Preisträger Durs Grünbein blickt dem Rauchregime, das in Deutschland im neuen Jahr umgesetzt werden soll, mit Wehmut entgegen. Im Politikmagazin Cicero hat er ein leises Klagelied auf den Tabak angestimmt:
(..) Viele der größten Schriftsteller und Künstler waren Kettenraucher oder hingen an der Zigarre. Die enorme Produktion eines Hemingway ist anders kaum denkbar. Von Brecht aus ging eine ganze Tradition von Zigarrenrauchern bis hin zu Heiner Müller, der gern den Satz zitierte: Wer raucht, sieht kaltblütig aus. Eine gewisse Art des philosophischen Gesprächs, mit langen Denkpausen wie beim Schachspiel, der Körper zurückgelehnt, ist überhaupt nur mit einer Havanna möglich. Es passt ganz ins Bild der neuen Zeitökonomie und der Reglementierung des Freizeitlebens, wenn dieser Luxus der Langsamkeit jetzt ein Ende hat. Als ginge es um die Schließung von Opiumhöhlen, wird aus den Hotels und Nachtbars das Refugium der Afficionados verschwinden. Feinstäube, Autoabgase, die Dauerbeschallung in Fahrstühlen und Flugzeugen, Küchengerüche in Restaurants – alles das bleibt uns erhalten, nur der aromatische Duft einer Zigarre ist plötzlich verpönt.
Es ist Zeit, eine Elegie anzustimmen auf ein Symbol des alten Europa: die dicke Zigarre des sprichwörtlich dicken Kapitalisten. Wieder ist ein Genussmittel öffentlich auf den Index gesetzt, wieder geht ein Moment von Lebensqualität verloren. Aber vielleicht, sagt meine Frau, ist vor den Zigarren ja schon der Mensch verschwunden, der Zigarren noch zu genießen wusste, ein Wesen wie Thomas Mann etwa mit seiner legendären Maria Mancini, ein Zauberer des höheren Dunsts und der gesprächsweisen Ironie. Kinder, hört auf, von Salonkultur zu reden. Bleibt zu Hause und unterhaltet euch mit euren Fernsehgeräten. Es lohnt nicht mehr, in den tiefen Clubsesseln zu versinken. Der Traum von tausendundeiner Nacht der Geselligkeit ist vom ersten Januar 2008 an Asche.
Das Churchill-Prinzip
(Bild: Churchill mit Roosevelt und Zigarre; Quelle: Wikipedia)
Die FAZ hat heute ein neues Buch über Winston Churchill rezensiert. Das Churchill-Prinzip heisst das Werk, in dem der Versuch unternommen wird, die Quintessenz aus Churchills Art zu finden.
Das Buch biete «viel Biographisches und etwas Lebenshilfe», so die FAZ. Und es beschäftigt sich auch mit einigen Churchill-Mythen:
[..] das bekannte Bonmot „No sports!“, wenn es denn nicht überhaupt wie viele andere apokryph ist, sollte man schleunigst vergessen. Churchill wusste, was er seinem Körper schuldig war. Er spielte Polo, ging schwimmen, achtete auf seinen Mittagsschlaf und entspannte sich im Kreise seiner Familie. So ist er immerhin neunzig geworden.
Unangetastet bleibt der Mythos des Zigarrenrauchers Churchill:
Eines war Churchill ganz sicher nicht: langweilig. Ein Politiker, der in der Badewanne Zigarren raucht, Whisky trinkt und dabei dicke Geschichtsbücher diktiert, für die er verdientermaßen den Literaturnobelpreis bekommen wird, muss einfach faszinieren. Zugegeben, das ist etwas übertrieben. Er hat das zwar alles gemacht, aber nicht unbedingt gleichzeitig.
Erfolgsgeschichte Literatur und Tabak
Am 31. August 2007 will die Literarische Gesellschaft Thüringen den Anlass «Der letzte Zug» feiern, eine Art säkulare Prozession durch Gaststätten im klassischen Weimar. In öffentlichen Lesungen und Gesprächen soll der letzte Tag begangen werden, an dem in Deutschland das Rauchen noch uneingeschränkt erlaubt sein wird. Die Gesellschaft schreibt zum Anlass:
Literatur und Tabak – das ist seit Jahrhunderten eine Erfolgsgeschichte, die am 1. September 2007 durch Bundesgesetz wenn nicht beendet, so doch nachhaltig gehemmt werden wird. Manche von uns begrüßen das, einige beklagen sich, ein denkwürdiges Datum der Kulturgeschichte ist es in jedem Fall. Thomas Mann, Gottfried Benn, Bert Brecht, Heiner Müller, Heinrich Böll, Ernst Jünger, Jean-Paul Sartre, Vaclav Havel – viele große Schriftsteller kann man sich ohne Kippe oder Stumpen im Mundwinkel gar nicht vorstellen. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts avancierte das Rauchen fast zu einer literarischen Schlüsselqualifikation. Dabei waren und sind die Dichter keineswegs ausnahmslos dem Nikotin ergeben. Der Tabak hatte und hat entschiedene Gegner auch bei den Poeten. Goethe mochte es gar nicht, dass Schiller seine Rauchlust nicht zügeln konnte. Trotzdem hat er es ihm sogar bei sich zu Hause erlaubt. Wie dem auch sei: Den letzten Zug wollen wir öffentlich genießen und, je nach Temperament und Neigung, mit kunstvollem Wehklagen oder poetischen Hochrufen in würdiger Form unseren Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleihen.
Schon im Juni wies die Zeitung Westfälische Nachrichten in einer kurzen Notiz auf den Anlass hin. Ziemlich daneben gegriffen hat die Redaktion damals bei der Wahl des Titels: «Der letzte Zug: Schriftstelleraktion gegen das Rauchen».
Inzwischen hat man den Text über die «Aktion gegen das Rauchen», die das gar nicht sein wollte, wieder von der Website entfernt. Kopien der falsch betitelten Meldung sind da und dort aber immer noch zu finden.







